Die Grenzen des ‚Wir’

Die Grenzen des ‚Wir’

Oder: Warum Thomas de Mainzière bereits verloren hatte, als er den Mund auftat.

Von Daniel Kalz

Wieder einmal stößt einer in das Horn Leitkultur. Es gäbe eine „Leitkultur für Deutschland“. Das ist die Behauptung von Thomas de Mainzière und Gegenstand seiner Ausführung in einem Gastbeitrag der „Bild“ (hier nachzulesen).

Es fällt das Wort Leitkultur und schon hört das Publikum zu oder weg. Es gibt wenige Worte, die so stark polarisieren wie der Begriff Leitkultur. Die Ironie dabei ist jedoch, dass der Begriff „Leitkultur“ eine Antwort auf die Frage nach Integration sein sollte, er aber genau das Gegenteil bewirkt. Statt, dass zu einem Diskurs eingeladen wird, spalten sich die Adressaten in „offen für den Begriff“ oder „jetzt kommt nur noch Unsinn“.

© Sandro Halank | CC BY-SA 3.0

Aber warum ist das so? De Mainzière „finde[t] den Begriff „Leitkultur“ gut und möchte an ihm festhalten.“ Aber vielleicht sollte er das auch lassen. Denn anstelle eine positiven Besetzung und Füllung des Begriffs anzusprechen, schrillen bei vielen die Alarmglocken, wenn sie diesen Begriff nur hören. Und das ist nur zu verständlich. Schließlich klingt der Begriff losgelöst eher nach „Leitwolf“ oder „Leitung/ Führung“ und transportiert eine Botschaft des Archaischen und des Hierarchischen. Davon fühlen sich viele Adressaten ausgeschlossen und geben mit Gedanken und Worten sofort contra. Und das ist ein entscheidende Fehler bei einer Thematisierung unter dem Stichwort Integration. Denn es wirkt desintegrierend auf die Adressatenschaft und macht die ganze Thematisierung ineffektiv. Und das ist Ausdruck des entscheidenden Denkfehlers des De Mainzières – nämlich was das ‚wir’ bedeutet.

De Mainzière stellt die These in den Raum, dass es eine Leitkultur gebe, die von einer Gruppe vertreten wird, für die er spricht. Er spricht insofern von einem „wir“. Und dieses „wir“ bestünde aus den „Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern unseren Landes“. Also spricht er von der Gruppe, die in der Rechtswissenschaft als das ‚Staatsvolk’ bezeichnet wird. Diejenigen, welche die vollen Rechte des deutschen Grundgesetzes genießen und neben denen eine Gruppe der Bevölkerung des deutschen Staatsgebiets existiert, die nicht in den vollen Genuss` aller dieser Rechte kommt. Aber kann man nun behaupten, dass diese Gruppe eine sog. Leitkultur teilt? Es widerspricht ganz klar unserer Erfahrung! Es ist unsere alltägliche Erfahrung, dass unsere Gesellschaft eben nicht aus einem Guss ist. Und das ist auch schwer vorstellbar. Denn in unserer pluralistischen und postmodernen Gesellschaft, die – so attestiert es die Forschung – in verschiedenen Milieus geradezu zerbrochen ist, fällt es uns schwer überhaupt noch etwas Verbindendes (außer die Sprache) zu finden.

Was ist denn dann das ‚wir’ von dem De Mainzière spricht? Es ist eher die ihm individuelle Entrüstung z.B. gegenüber islamisch geprägten Vorstellungen, die er – mehr oder weniger offensichtlich – in seiner ersten These angeht. Und die Antwort auf seine Entrüstung ist für ihn der Ruf der „Leitkultur“, die es doch gebe. Nun ruft er auf

die Agora der medialen Öffentlichkeit all diejenigen, die er unter dem Feldzeichen der „Leitkultur“ sammeln kann. Alle anderen bleiben bei seinen Diskussionsanstoß draußen. Und so schreibt er: „Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur in Deutschland“. Und auch wenn dieser Satz zunächst harmlos klingt, bringt er das Vorhaben – aber auch seine Grenzen – auf den Punkt. Es geht um den Begriff einer Leitkultur! Nicht um Integration, ein gemeinsames Miteinander oder um die Frage, was verbindet bzw. was trennt. Es bringt auch nichts dagegen einzuwenden. Schließlich sind diejenigen, die den Begriff für falsch erachten, durch diesen Satz von der Diskussion ausgeschlossen.

So gesehen, sage ich: Soll er doch machen! Soll er doch über seine ‚Leitkultur’ diskutieren. Es wird überhaupt nichts für die Integrationsthematik bringen. Aber letztlich will er das auch nicht. M.E. nach hat er das Phänomen Integration nicht mal verstanden. Dabei ist es dieses jedoch, das uns vor Probleme stellt und das dringend diskutiert gehört. Aber er tut es nicht. Und deswegen hatte er verloren, als er seinen Mund aufmachte.

Daniel Kalz ist Student der Ev. Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Hobbies sind es über alles mögliche nachzudenken und alternative Meinungen zu haben. Und manchmal äußert er sich auch zu Themen des Zeitgeschehens.

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